Ein Bissen Hoffnung in leckerer Form
Die lebendige Tradition der Neujahrsstuten in Coppenbrügge
Coppenbrügge/Brünnighausen (gök). Es ist dieser ganz besondere Duft nach frischem Weißbrot, der am Silvestermorgen durch die Straßen von Coppenbrügge und Brünnighausen zieht. Ein Duft, der Geschichten von früher erzählt und Kinderaugen zum Leuchten bringt. Wenn die Kleinsten der Gemeinde ihre Neujahrsstuten in den Händen halten, ist das weit mehr als nur ein Gebäck – es ist ein lebendiges Stück Heimatgeschichte, das auch in diesem Jahr wieder hunderte Familien zusammenführte. Hinter der süßen Tradition steckt ein tiefer Ernst. Sie erinnert an den harten Winter 1558/59, als zwei Kinder aus Brünnighausen auf dem Weg zum Schloss Coppenbrügge im Schneesturm erfroren. Die tiefe Betroffenheit der Gräfin Ursula von Spiegelberg über dieses Unglück führte zur Gründung einer Tradition, die bis heute fortwirkt. Was einst als Überlebenshilfe in Hungerzeiten begann, wird heute vom Flecken Coppenbrügge als Zeichen der Verbundenheit finanziert. Neben Coppenbrügge und Brünnighausen gibt es die Tradition auch in Hachmühlen, wo die Neujahrsstuten aber kleiner als im Nachbarflecken ausfallen. Beherzt beißen viele Kinder gleich nach dem Empfang in das große Gebäck, was auch in modernerer Zeit die Kinder immer wieder aufs Neue begeistert. „Ich erinnere mich sogar noch daran, dass die Ausgabe der Neujahrsstuten früher aufgrund der Beliebtheit noch mit Listen festgehalten wurde“, erinnert sich die Ratsfrau Karin Dröge bei der Ausgabe in Coppenbrügge im Gespräch zurück.
Gebacken wurden die begehrten Stuten nach alten Rezepten in der Hamelner Bäckerei Mensing. Dabei gibt es feine Unterschiede für die Kenner: Während man in Brünnighausen auf die etwas süßere Variante setzt, bevorzugt man in Coppenbrügge die herzhaftere Rezeptur. Im Brünnighäuser Dorfgemeinschaftshaus herrschte bei der Ausgabe wieder reger Betrieb. Rund 120 Stuten wurden wieder bestellt, wovon mindestens 80 bis 90 immer verteilt werden. „Wir geben sie auch an Gastkinder aus, die über die Feiertage zu Besuch sind“, erklärt Gerald Mehrtens, der die Organisation vor Ort leitet. Auch wenn es dieses Jahr ein leichtes Kommunikationsproblem mit den traditionellen Kirchenglocken im Ort gab, die normalerweise die Ausgabe einläuten, tat dies der Stimmung keinen Abbruch. „Das kriegen wir beim nächsten Mal wieder hin“, schmunzelt Mehrtens. Er stellt zudem klar, dass man an der historischen Aufarbeitung im „Dorffunk“ noch einmal feilen wolle, um die Geschichte für die nächste Generation ganz korrekt zu bewahren.
Im Coppenbrügger Rathaus war das Gewusel nicht minder groß, etwa 300 Stuten wurden hier verteilt. Mitten im Trubel: Gemeindebürgermeister Thomas Küllig, der es sich nicht nehmen ließ, zusammen mit anderen Ehrenamtlichen wie Dröge die Backwerke persönlich zu überreichen. Besuch erhielten sie dabei von Elisabeth Meyer, CDU-Landratskandidatin, die sichtlich beeindruckt in die lokale Tradition eintauchte. Der heimliche Star der Veranstaltung war jedoch ein alter Bekannter: Ludwig Appel. Mit stolzen 101 Jahren ist er bereits zum 67. Mal bei der Verteilung dabei. Seine Geschichte ist eng mit dem Brauch verknüpft: Als er vor vielen Jahrzehnten seinen Dienst bei der Gemeinde am 2. Januar begann, musste er auf Wunsch des damaligen Bürgermeisters Heinrich Rasch aber bereits an Silvester davor beim Stutenausgeben mit anpacken. Seither hat er – bis auf ein Jahr während der Pandemie – keine Ausgabe verpasst. Auf ein Wiedersehen mit ihm freuen sich gerade an Silvester viele Coppenbrügger, die extra nochmal im Rathaus vorbeischauen.
Früher war der Radius der Verteilung noch größer; örtliche Parteien brachten in Brünnighausen etwa die Stuten sogar zu den Senioren des Ortes. Gerald Mehrtens hatte diese Aufgabe zeitweise übernommen, bis der logistische Aufwand schlicht zu groß wurde. Heute konzentriert sich das Fest auf die Kinder – von den Kleinsten bis hin zum Konfirmationsalter.
Foto7766: Gerald Mehrtens betreut die Ausgabe in Brünnighausen
Foto7777: Der 101jährige Ludwig Appel gibt zusammen mit den anderen Ehrenamtlichen die Neujahrsstuten in Coppenbrügge aus

