Namen, die nun im Gedächtnis bleiben
Bewegende Stolpersteinverlegungen in Ahrenfeld und Coppenbrügge
Ahrenfeld/Coppenbrügge (gök). „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“. Dieses Leitmotiv des Kölner Künstlers Gunter Demnig war jetzt in jeder Sekunde spürbar, als der Flecken Salzhemmendorf und der Flecken Coppenbrügge gemeinsam mit der KGS Salzhemmendorf, dem Arbeitskreis aus Coppenbrügge und dem Künstler ein Zeichen gegen das Vergessen setzten. Mit der Verlegung neuer Stolpersteine kehrten die Namen von Werner Wolters und Ruth Levy an die Orte zurück, an denen ihr Leben einst gewaltsam aus den Fugen gerissen wurde.
In Ahrenfeld versammelten sich zahlreiche Bürger, Lokalpolitiker und Angehörige vor dem einstigen Wohnhaus von Werner Wolters. Der im Jahr 1938 geborene Junge litt an einer durch Vitamin-D-Mangel verursachten Wachstumsstörung. Was über Jahrzehnte in der Familie als Tod durch eine schwere Krankheit galt, offenbarte sich erst im Jahr 2013 als grausame Gewissheit: Das Kind wurde ein Opfer der nationalsozialistischen Kindereuthanasie. Besonders berührend war der Moment, als Werner Wolters jüngere Schwester, Renate Wippermann, das Wort ergriff, die extra mit ihrer Verlegung mit ihrer Familie angereist war. Ihre Schilderungen machten deutlich, wie tief die Wunden der Vergangenheit noch immer sitzen und wie wichtig die späte Wahrheit für die Familie ist. Der zehn mal zehn Zentimeter große Messingstein vor dem Haus erinnert nun dauerhaft daran, dass Werner Wolters am 15. Januar 1942 in der Kinderfachabteilung der Heilanstalt Lüneburg ermordet wurde.
Der Weg des Gedenkens führte weiter nach Coppenbrügge. Dort wurde ein Stolperstein für Ruth Levy verlegt, die nun symbolisch wieder mit ihren Eltern Oscar und Elise vereint ist, deren Gedenksteine bereits zuvor gesetzt worden waren. Ruth Levy, die als Krankenschwester im jüdischen Krankenhaus in Hannover gearbeitet hatte, wurde 1941 gemeinsam mit ihren Eltern in das Ghetto Riga deportiert. Berichte von Überlebenden schildern ihren aufopferungsvollen Dienst unter den unmenschlichen Bedingungen der Sanitätsstation im Ghetto. Wie ihre Eltern kehrte auch Ruth Levy nicht zurück.
Ein starkes Signal für die Zukunft setzten die Schüler des 11. Jahrgangs der KGS Salzhemmendorf. Sie begleiteten die Zeremonien an beiden Orten, trugen Kurzbiografien der Opfer vor und sorgten mit einer mobilen Mikrofonanlage dafür, dass die Lebensgeschichten von Werner Wolters und Ruth Levy für alle Anwesenden hörbar wurden. Dass dieses Engagement möglich war, verdankten die Jugendlichen auch einer besonderen Geste: Coppenbrügges Bürgermeister Thomas Küllig setzte sich persönlich ans Steuer des neuen Transporters der Jugendpflege, um die Schüler zwischen den Stationen zu befördern. Küllig lobte zudem die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden und betonte, wie wertvoll die Einbindung der jungen Generation für die Erinnerungskultur sei. Unterstützt wurde die Aktion durch die akribische Vorarbeit des Historikers Bernhard Gelderblom, dessen Forschungen die Grundlage für die Dokumentation der Schicksale bildeten.
Die Verlegungen wurden von einem breiten Bündnis aus Politik und Gesellschaft getragen. Neben den Bürgermeistern Clemens Pommerening (Salzhemmendorf) und Karsten Appold (Ortsbürgermeister Ahrenfeld) nahmen auch der Landtagsabgeordnete Ulli Watermann sowie Vertreterinnen der Parteien und des Coppenbrügger Arbeitskreises um Lidia Ludwig teil, welche in der Vergangenheit auch schon einiges an Pflege der bereits verlegten Stolpersteine in Coppenbrügge und Ortsteilen investiert haben.
In Ahrenfeld kamen die Teilnehmer im Dorfgemeinschaftshaus nach der Verlegung zu Kaffee und Kuchen zusammen. In den Gesprächen wurde deutlich, dass die Stolpersteine genau das erreichen, was Gunter Demnig seit 1993 bezweckt: Sie bringen Passanten dazu, im Alltag kurzzuhalten, sich zu bücken, um die Namen zu lesen und den Menschen hinter der Opferrolle für einen Augenblick wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen. Im Landkreis Hameln-Pyrmont sind es mittlerweile über 100 dieser kleinen Mahnmale, die daran erinnern, dass die Gräueltaten des NS-Regimes direkt vor der eigenen Haustür begannen. Das Team von Demnig stellt mittlerweile monatlich 600 Stolpersteine her und verlegt sie in unzähligen Orten. Bislang wurden mehr als 116 000 Stolpersteine in mehr als 1860 Kommunen in 31 europäischen Ländern verlegt.
Foto01: Gunter Demnig beim Verlegen in Coppenbrügge
Foto02: Der Stein von Ruth Levy wurde direkt an den Steinen ihrer Eltern verlegt
Foto03: Renate Wippermann bedankt sich bei dem Künstler für sein Engagement
Foto04: Der verlegte Stein in Ahrenfeld



