Wenn das Leben stillsteht

Kleiner Piks mit großer Wirkung / Impfschaden hat keine Lobby

Banteln (gök). Eigentlich sollte Tim jetzt in Hörsälen sitzen, über Gesetzestexten brüten und seinen Traum verfolgen, eines Tages nach seinem Jura-Studium als Richter für Gerechtigkeit zu sorgen. Mit 22 Jahren stünde ihm die Welt offen. Doch die Welt von Tim B. ist klein geworden. Sie misst oft nur wenige Quadratmeter – die Fläche seines Bettes oder das elterliche Wohnzimmer. Der junge Mann aus Banteln leidet unter dem Post-Vakzin-Syndrom, einer Diagnose, die sein Leben und das seiner Mutter Beate und seines Stiefvaters Joachim von Grund auf erschüttert hat.

Alles begann im Dezember 2021. Tim, damals auf dem besten Weg zum Abitur, erhielt seine dritte Impfung mit dem Wirkstoff von Biontech. Die Familie war trotzdem stets vorsichtig, testete sich regelmäßig, auch um die krebskranke Großmutter vor Infektionen zu schützen. Doch nach der Spritze kam das Fieber und die folgenden Beschwerden wurden immer schlimmer. Was folgte, war ein schleichender Verfall. Im Sommer 2022 landete Tim in der Neurologie. Seine Beine zitterten, er konnte kaum noch laufen. Heute, mehr als drei Jahre später, ist die Diagnose bittere Gewissheit. Tim leidet unter einer Form des Chronischen Erschöpfungssyndroms (ME/CFS). Sein „Bell-Score“, ein Maßstab für die Leistungsfähigkeit, liegt bei gerade einmal 30 Punkten. Ein völlig gesunder Mensch erreicht 100. Tim verbringt den Tag im ständigen Wechsel zwischen Liegen und Sitzen.

Das tückischste Symptom ist die sogenannte PEM (Post-Exertional Malaise). Jede noch so kleine Anstrengung – sei es ein kurzes Gespräch, Licht oder gar ein Moment der Freude – kann eine massive Verschlechterung auslösen. Diese tritt oft erst 48 Stunden später ein. „Nach zwei Stunden Untersuchung für eine mögliche Studie an der Medizinischen Hochschule in unserem Haus hat er sieben Stunden am Stück geschlafen“, berichtet seine Mutter Beate. An schlechten Tagen verbringt er 18 Stunden im Bett, geplagt von Kopfschmerzen und Sehstörungen. Während Tim mit den Symptomen in seinem Körper kämpft, kämpfen seine Eltern gegen das System. „Man fühlt sich alleingelassen“, sagt seine Mutter Beate B. im Gespräch. „Bei einer Krebserkrankung wird man ganz anders begleitet. Diese Krankheit ist zu neu, es fehlt die Aufklärung.“

Der Weg zu staatlicher Unterstützung glich einem Spießrutenlauf. Mittlerweile ist Pflegegrad zwei erkämpft, doch die Prüfung auf Erwerbsunfähigkeit läuft noch. Ein Hausbesuch durch einen Gutachter? Wahrscheinlich Fehlanzeige. Es wird wohl nach Aktenlage entschieden – über ein Leben, das die Gutachter nie gesehen haben. Die Familie lässt nichts unversucht, fasst nach jedem Strohhalm. Eine Blutwäsche (Apherese) kostete die Familie bereits 13 000 Euro – aus eigener Tasche finanziert. „Man experimentiert an Schwerstkranken“, beschreibt die Familie die Situation. Viele Spezialisten sind Privatärzte, die Kosten explodieren. Für die Hoffnung auf nur zehn Prozent mehr Lebensqualität müssten sie jährlich zig Tausende Euro aufbringen.

Ein kleiner Lichtblick in dieser schweren Zeit war die Solidarität anderer Menschen. So finanzierte der Vater von Joachim die Blutwäschen und eine Freundin der Familie hilft ehrenamtlich im Haushalt und im Garten mit. Sie kennt Tim schon, seit er drei Jahre alt ist. Als die Familie Mitte 2024 ein Haus in Banteln kaufte, um Tim ein barrierefreieres Umfeld zu ermöglichen, gerieten sie zu allen vorhandenen Problemen auch noch an ein Sanierungsobjekt, das die Kosten sprengte. Die Baufirma Michael Kliem aus Duingen zeigte Herz: Ergriffen vom Schicksal der Familie, erbrachte der Unternehmer viele Leistungen ehrenamtlich.

Wut, Trauer und das Schweigen der Politik

Stiefvater Joachim trägt eine Mischung aus Trauer und Wut in sich. Wut, dass der Staat trotz der Schwere der Erkrankung so wenig Unterstützung liefert und soviel Belastung bei den Eltern ankommt. Während Maskenaffären aufgearbeitet werden, fühlen sich die Opfer der Pandemie-Folgen – ob durch Long Covid oder Impfschäden – im Stich gelassen. „Es gab Demos mit Leichensäcken, Kinder wurden als lebendig begraben beschrieben“, erinnert sich Beate B. an Aktionen, die Aufmerksamkeit auf die Probleme bringen sollten.

Bis Ende 2024 wurden beim Paul-Ehrlich-Institut rund 350 000 Verdachtsfälle für Impfschäden gemeldet. Bis Anfang April 2025 wurden in Deutschland aber erst knapp 600 Fälle offiziell als Impfschaden anerkannt. Nach aktuellen Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) und Patientenorganisationen wird von etwa 1,5 bis 2,5 Millionen Betroffenen in Deutschland ausgegangen, die unter Langzeitfolgen einer Corona-Infektion leiden. Seit Beginn der Pandemie sind in Deutschland rund 190 000 Menschen an oder mit COVID-19 gestorben.

„Wir versuchen Tim Mut und Hoffnung zu machen“, sagt Beate B. leise. „Aber wer möchte schon sein eigenes Kind pflegen müssen? Wir wünschen uns nur Hilfe, damit sein Leben wieder einfacher wird. Mein Wunsch an die Politik ist mehr Geld für die Medikamentenforschung ME/CFS, Post Vac und Long Covid bereitzustellen sowie mehr Aufklärung zu betreiben!“ Derzeit klammert sich die Familie an eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Es ist einer der wenigen Strohhalme, die geblieben sind. Das Jura-Studium, von dem Tim nur drei Monate lang einen Hauch erleben durfte, ist in weite Ferne gerückt. Am 15. Februar 2024 musste er offiziell ein Urlaubssemester beantragen und hat das Studium mittlerweile abgebrochen, er ist kognitiv und körperlich nicht zu einem Studium, einer Ausbildung oder Arbeit fähig.

In Banteln geht das Leben weiter, doch im Hause der Familie ist die Zeit stehen geblieben. Die Mutter und der Lebensgefährte investieren viel Zeit für die Organisation, Betreuung und Pflege von Tim und versuchen damit, die wenigen Funken Energie, die Tim bleiben, für „schöne Sachen“ aufzusparen. Damit wenigstens ein kleiner Rest an Jugend erhalten bleibt, in einem Leben, das so früh aus den Fugen geraten ist.     

Foto: Beate und Joachim hoffen, dass künftig mehr in die Forschung investiert wird