Zwischen Herzblut und Paragraphen
Die Nutztierarche „Swiensgaarn“ kämpft um ihre Vision / Hoffest am 17. Mai 2026
Capellenhagen/Limmer (gök). Wer das historische Rittergut Limmer betritt, spürt sofort den besonderen Geist dieses Ortes. Und das liegt nicht nur daran, dass vor fast genau 400 Jahren dort schon Wallenstein und Tilly über die Vorgehensweise im 30jährigen Krieg philosophierten. Es grunzt zufrieden aus dem „Schweinegarten“, während Heike Haubrock und Heinrich Thielke mit unermüdlichem Einsatz daran arbeiten, eine der seltensten Nutztierrassen der Welt vor dem Aussterben zu bewahren, das Rotbunte Husumer Sattelschwein. Doch hinter der idyllischen Fassade des Rittergutes tobt ein Kampf, der exemplarisch für die Nöte kleiner landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland steht. Im Herbst 2025 erfolgte nach langer Suche der Umzug der Nutztierarche von Capellenhagen in den Alfelder Ortsteil, wo die Schweine sichtlich den noch größeren Platz und Auslauf genießen.
Die Nutztierarche Swiensgaarn ist mehr als nur ein Bauernhof; sie ist eine Arche im wahrsten Sinne des Wortes. Nur noch wenige Tiere dieser robusten Rasse existieren weltweit. So gibt es keine 50 Eber und nur noch unter 100 weiblichen Muttertieren. Haubrock und Thielke leisten hier keine gewöhnliche Landwirtschaft, sondern aktive Genetik-Erhaltung. Mit Erfolg, die Arche beherbergt mittlerweile einen Großteil des weltweiten Zuchtbestandes. Unterstützt werden sie dabei von einem engagierten Team, zu dem auch Dagmar Kommol-Weber gehört, die als „Magd Gertrude“ den Besuchern normalerweise die Geschichte des Gutes näherbringt.
Doch die Liebe zum Tier stößt immer öfter an die Grenzen der deutschen und europäischen Bürokratie. „Es ist die Ungerechtigkeit, die uns mürbe macht“, berichtet das Team in einem emotionalen Gespräch. Kleine Betriebe müssen oft dieselben strengen Auflagen erfüllen wie industrielle Großbetriebe. Ob EU-Richtlinien zur Lebensmittelkontrolle oder komplexe Dokumentationspflichten – der bürokratische Aufwand ist für einen Zwei-Personen-Betrieb kaum noch zu stemmen. Besonders bitter, die Arche wurde zuletzt Ziel anonymer Anzeigen, die das Veterinäramt auf den Plan riefen. Was folgte, war eine psychische und finanzielle Zerreißprobe. Verkaufsverbote und die Vernichtung von Waren im Wert von mehreren tausend Euro brachten den Betrieb an den Rand der Existenz. „Wenn man jemandem schaden will, findet man in den Paragraphen immer einen Hebel“, so die bittere Erkenntnis. Viele Stammkunden gingen auf die Barrikaden und wandten sich an die Behörden. Auch die Stadt Alfeld mit Bürgermeister Bernd Beushausen machte sich für den kleinen Betrieb auf dem historischen Rittergut stark. Dabei geht es oft nur um Auslegungsfragen von Ermessensspielräumen, die in kleinen, gewachsenen Strukturen wie dem Rittergut Limmer anders bewertet werden als in sterilen Fabrikhallen.
Trotz der Steine, die ihnen in den Weg gelegt werden, gibt das Team nicht auf. Die Solidarität und unter befreundeten Erzeugern ist groß. Auch politisch regt sich Widerstand gegen die Pauschalisierung der Auflagen. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) setzt sich bereits dafür ein, dass EU-Richtlinien endlich so angepasst werden, dass kleine Direktvermarkter nicht unter der Last ersticken. Auch ein Hoffnungsträger ist für das in die Jahre gekommene Paar bereits in Sicht. Der Neffe von Heinrich Thielke steht als potenzieller Hofnachfolger bereit. Er verkörpert die nächste Generation, die bereit ist, die Tradition der Nutztierarche mit modernen Ansätzen fortzuführen – sofern man sie lässt.
Um den Menschen zu zeigen, wofür sie eigentlich kämpfen, lädt die Nutztierarche Swiensgaarn am Sonntag, den 17. Mai zum großen Hoffest ein. Von 11 bis 16 Uhr verwandelt sich das Rittergut in einen bunten Marktplatz, wo die regionale Vielfalt neben den eigenen beliebten Produkten vom Schwein auch Stände mit Honig, Bio-Gemüse oder Kunsthandwerk zu Tage fördert. Neben aller Kulinarik soll es aber auch wieder Einblicke in die Zuchtarbeit und die Bedeutung der biologischen Vielfalt geben. „Magd Gertrude“ wird zudem wieder über das historische Gelände führen.
Aus Sicherheitsgründen und um keine weiteren bürokratischen Angriffsflächen zu bieten, bleibt der direkte Zugang zum Stall aber geschlossen. Doch vom Zaun aus können die imposanten, neugierigen und familiären Tiere in ihrem natürlichen Element beobachtet werden. „Es ist eine Einladung, Sympathie zu zeigen und zu verstehen, dass der Erhalt unserer Kulturlandschaft und alter Tierrassen kein Selbstläufer ist, sondern das Ergebnis von Menschen, die trotz aller Widrigkeiten weitermachen“, so Haubrock abschließend.
Das ursprünglich geplante LEADER-Projekt ist zwar gestorben, doch trotzdem soll das Rittergut weiterentwickelt werden. Ein Kauf kam zwar nicht zustande, doch die abgeschlossene Pacht ermöglicht zumindest eine planbare Bewirtschaftung des Geländes. Der Eintritt bei dem Hoffest ist natürlich frei, über Spenden würde sich der Verein Nutztierarche „Swiensgaarn“ aber besonders freuen. Weitere Infos zum Verein und Spendenmöglichkeiten gibt es unter https://verein-swiensgaarn.de/.
Foto1728: Alle Schweine haben in Limmer viel Auslauf
Foto1731: Die Sattelschweine in Limmer gehören zu einer gefährdeten Art
Foto1736+1737: Ein Hingucker sind vor allem immer die Ferkel auf dem Gelände
Foto1746: Auch die Boxen im Stall sind sehr weitläufig
Foto Gertrude: Beim letzten Hoffest waren vor allem die Führungen von „Magd Gertrude“ sehr gefragt





