Nervenkitzel unter freiem Himmel

Osterwaldbühne fiebert Premiere von „Passagier 23“ entgegen

Osterwald (gök). Seit rund 75 Jahren gilt die Osterwaldbühne als kultureller Leuchtturm in der Region. Die renommierte Freilichtbühne, die für ihre idyllische Kulisse unter freiem Himmel bekannt ist, stellt sich in dieser Saison einer völlig neuen, tiefgreifenden Herausforderung. Mit der bevorstehenden Premiere von Sebastian Fitzeks Erfolgsroman „Passagier 23“ wagt das Ensemble nicht nur den Schritt in ein für die Bühne ungewohntes, düsteres Genre, sondern feiert gleichzeitig eine echte Sensation: Es ist das erste Mal überhaupt, dass dieser beklemmende Psychothriller weltweit im Open-Air-Bereich inszeniert wird. Für dieses anspruchsvolle Vorhaben hat sich das Theater organisatorisch neu aufgestellt und mit Alexandra Breutmann sowie Marvin Koch ein hochmotiviertes Regieteam formiert, um das Werk, basierend auf der Textfassung von Christian Scholze und einer spezifischen Überarbeitung durch Breutmann, auf die Bühne zu bringen.

Die Handlung des Stücks entführt das Publikum in die isolierte Welt eines luxuriösen Kreuzfahrtschiffs. Im Zentrum steht der erfahrene Polizeipsychologe Martin Schwartz, verkörpert von Daniel Müller. Schwartz wird von der Reederei im Geheimen an Bord geholt, nachdem ein vor Wochen spurlos verschwundenes kleines Mädchen plötzlich wieder aufgetaucht ist. Der Fall muss ohne großen Medienrummel aufgeklärt werden, um den Ruin der Schifffahrtslinie abzuwenden. Für Schwartz ist die Mission jedoch eine brutale Konfrontation mit seiner eigenen Vergangenheit, denn vor Jahren verschwanden seine Frau und sein Sohn auf genau diesem Schiff ebenfalls spurlos. Hinter den glamourösen Kulissen des Luxusliners eröffnen sich rasch mörderische Abgründe, in denen es um falsche Identitäten, tiefsitzende Traumata und das schwere, hochemotionale Grundthema der Kindesmisshandlung geht.

Diese düstere Thematik verlangt den rund 40 beteiligten Darstellern – bis auf eine Jugendliche allesamt erwachsene Amateurschauspieler – schauspielerisch wie emotional alles ab. Seit Dezember vergangenen Jahres befindet sich das Ensemble in einem intensiven, über ein halbes Jahr andauernden Vorbereitungsprozess. „Bereits in der frühen Phase der Rollenfindung setzte sich jeder Einzelne intensiv mit den psychologischen Abgründen, Vorerfahrungen und Emotionen seiner Figur auseinander. Bei einem intensiven Probenwochenende Anfang des Jahres wurde das gesamte Stück erstmals am Stück durchgespielt“, so Alexandra Breutmann im Gespräch. Wie Sprecherin Ramona Prüße und das Regieteam im Gespräch betonen, ging die Auseinandersetzung mit den Abgründen des menschlichen Verhaltens den Akteuren spürbar unter die Haut. „Wir mussten eigene Emotionen bedienen und gleichzeitig gut aufeinander achtgeben, damit uns das Thema nicht zu nahe geht“, beschreibt das Team die Gratwanderung. Die Darsteller meistern diese Herausforderung jedoch und agieren vollkommen involviert von den Zehen- bis in die Haarspitzen.

Ein Paradebeispiel für die physische und psychische Belastung ist die Rolle von Naomi, u.a. gespielt von Antonia Müller. Sie verbringt das gesamte Stück eingesperrt auf extrem kleiner Fläche. Trotz dieser beklemmenden Situation gelingt es ihr, die Rolle nach dem Verlassen der Bühne privat komplett abzuschütteln. Auch Daniel Müller beschreibt den Prozess des Spielens wie das Betreten einer geschlossenen Blase: Auf der Bühne lässt man die reale Welt hinter sich, taucht tief in die psychologischen Facetten ein und verlässt diese emotionale Sphäre wieder, sobald der Vorhang fällt.

Neben den schauspielerischen Höchstleistungen fordert das Stück dem Ensemble auch eine außergewöhnliche stimmliche und technische Disziplin ab. Die Osterwaldbühne setzt bei dieser Produktion auf ein aufwendiges, fast durchgängiges Klangkonzept, das die Inszenierung nahezu in ein lebendiges Hörspiel verwandelt. Eine permanente Geräuschuntermalung, Übergangsmusiken und gezielte Störgeräusche simulieren das permanente Dröhnen und die akustische Enge unter Deck des Schiffes. Über im gesamten Publikumsbereich und auf der Bühne verteilte Effektlautsprecher wird der Zuschauer direkt in die Kulisse einbezogen. Gegen diese permanente Klangkulisse müssen die Schauspieler stimmtechnisch massiv ankämpfen, ihre Stimmen laut nach vorne tragen und gleichzeitig ihre schauspielerischen Reaktionen präzise an die Störgeräusche anpassen.

Trotz der enormen Komplexität und der melancholischen, actionreichen Inszenierung blickt der Verein voller Optimismus auf die kommenden Wochen. Die aktuelle Saison läuft für die Osterwaldbühne hervorragend und der Kartenvorverkauf für die insgesamt 16 angesetzten Aufführungen von „Passagier 23“ ist bereits überaus erfolgreich angelaufen. Die erste Premiere ist für den 17. Juli angesetzt, die letzte Aufführung wird Ende August stattfinden.

Foto5597: Schon bei den Proben herrschte eine beklemmende Atmosphäre – hier Lena Rein, Daniel Müller und Anja Simon bei der Probe ihrer Rollen

Foto5606: Alexandra Breutmann und Marvin Koch führen erstmals als Team Regie