Nervenkitzel pur im Osterwald

Sebastian Fitzeks „Passagier 23“ feiert fulminante Open-Air-Weltpremiere

Osterwald (gök). Seit rund 75 Jahren gilt die Osterwaldbühne als kultureller Leuchtturm in der Region. Doch was sich am vergangenen Premieren-Wochenende in der idyllischen Naturkulisse abspielte, sprengte alle bisherigen Dimensionen. Die renommierte Freilichtbühne wagte mit der Inszenierung von Sebastian Fitzeks Erfolgsroman „Passagier 23“ den Schritt in ein für sie völlig neues, tiefgreifendes und düsteres Genre – und feierte damit etwas Besonderes. Es ist das erste Mal überhaupt, dass dieser beklemmende Psychothriller weltweit im Open-Air-Bereich aufgeführt wird. Der Mut des Ensembles wurde vom Publikum mit tosendem Applaus und einem wahren Ansturm auf die Kasse belohnt. Bereits vor dem offiziellen Start wurden weit über 5 000 Karten allein für dieses Stück in der laufenden Saison verkauft.

Unter der hochmotivierten Leitung des Regieteams, bestehend aus Alexandra Breutmann und Marvin Koch, wurde ein meisterhaftes Werk geschaffen. Das Stück entführt die Zuschauer in die isolierte, scheinbar glamouröse Welt des Luxuskreuzfahrtschiffs Sultan of the Seas. Im Mittelpunkt steht der traumatisierte Ermittler Martin Schwartz – intensiv und brillant verkörpert bei der ersten Premiere von Timo Ullrich –, der in einer Reihe von mysteriösen Vermisstenfällen an Bord ermitteln soll. Seine Erwartung an den Kapitän bringt die düstere Anspannung des gesamten Abends auf den Punkt: „Ich habe an den Kapitän die Erwartung, dass er nur einmal alle Passagiere wieder nach Hause bringt.“ Doch an Bord lauern menschliche Abgründe. Kapitän David Bonhoeffer, zuerst gespielt von Florian Ullrich, versucht verzweifelt, den Imageschaden von der Reederei abzuwenden, während sich die im typischen „Fitzek-Style“ perfekt verwobenen Handlungsstränge unaufhaltsam zuspitzen. Das spannungsgeladene Stück ist nichts für schwache Nerven und zeigt ungeschönt die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele.

Die Inszenierung glänzt dabei mit einer absoluten Premiere auf der Osterwaldbühne: Erstmals kam eine hochmoderne Drehbühne zum Einsatz, die einen schnellen, fließenden Wechsel zwischen den beklemmenden Szenen unter Deck und dem pompösen Luxus an Deck ermöglicht. Die 18 hochkonzentrierten Darsteller verlangten sich schauspielerisch wie emotional alles ab und zogen das Publikum mitten in das Geschehen. Die Schauspieler agierten nicht nur auf der Bühne, sondern bewegten sich immer wieder überraschend direkt durch die Zuschauerreihen, was für anhaltenden Nervenkitzel sorgte. Langjährige Fans zeigten sich begeistert. Zuschauer Hans-Joachim Höflich schwärmte am Rande der Vorstellung: „Wir sind seit fast 50 Jahren regelmäßig auf der Bühne dabei – es ist eine tolle Entwicklung, die diese Bühne über die Jahre genommen hat!“

Unterstützt wurde die beklemmende Atmosphäre durch ein aufwendiges, permanent im Hintergrund agierendes Klangkonzept. Tolle Soundeffekte aus allen Himmelsrichtungen umschlossen die Zuschauer von allen Seiten und simulierten das ständige Dröhnen und die akustische Enge des Schiffes. Für ein Gänsehaut-Highlight bei den beiden Premierenvorstellungen sorgte zudem der Posaunenchor im Saaletal als akustisches Special: Die Musiker spielten die berühmte Auslaufmelodie des Kreuzfahrtschiffes, „Time to say goodbye“, vollkommen live und leiteten damit das Drama atmosphärisch perfekt ein. Bei den kommenden Aufführungen wird diese Melodie vereinbarungsgemäß vom Band eingespielt. Nach dem finalen Vorhang und stehenden Ovationen übernahm der sichtlich begeisterte zweite Vorsitzende Jan Hendrik Karsch die offizielle Begrüßung und Verabschiedung des Publikums. Hinter den Kulissen fiel die Anspannung spürbar ab: Das Regieteam fiel sich glücklich in die Arme. Karsch sprach der Technikcrew für Ton und Licht sowie dem gesamten Ensemble ein riesiges Lob aus und betonte den phänomenalen Erfolg der aktuellen Saison. Insgesamt wurden bereits über 13 500 Karten für alle Produktionen des Jahres verkauft – eine Bilanz, mit der die Verantwortlichen mehr als zufrieden sind.

Wer den packenden Psychothriller selbst erleben möchte, muss sich jedoch beeilen. Nach dem erfolgreichen Premieren-Wochenende sind bis zum 29. August 2026 noch genau 14 Vorführungen angesetzt. Tickets sind weiterhin über die offizielle Webseite www.osterwaldbuehne.de verfügbar. Auch für die anderen Stücke des Sommers wird die Zeit knapp. Die beliebten Aufführungen von „Frau Müller muss weg“ im Fagus-Werk sind bereits restlos ausverkauft. Wer sich noch Karten für die verbleibenden Vorstellungen von „Passagier 23“ oder das Familienstück „Der Zauberer von Oz“ nach der wohlverdienten Sommerpause sichern möchte, muss sich beeilen.

Foto6158: Jan Hendrik Karsch bei der Begrüßung

Foto6159 Mit Liebe zum Detail wurde das Bühnenbild umgesetzt

Foto6160: Mit viel Engagement wurde das Stück vorgetragen

Foto6162: Der Posaunenchor im Saaletal begleitete bei der Premiere das Stück live

Foto6165: Die Premiere war fast ausverkauft

Foto6168: Ermittler Schwartz befragt die verstörte Anouk

Foto6170: Der Offizier holt sich seinen Willen mit Gewalt

Foto6175: 18 Darsteller waren auf der Bühne aktiv