Bürokratie statt Artenschutz
Verordnungen bedrohen seltene Genreserve
Limmer/Hildesheim (gök). Heike Haubrock und Heinrich Thielke stehen vor einer schweren Entscheidung: Aufgeben oder Weitermachen? Auf ihrer Nutztierarche „Swiensgaarn“ auf dem alten Rittergut Limmer bei Alfeld züchten sie das vom Aussterben bedrohte Rotbunte Husumer Schwein – eine historische, robuste Rasse, von der es in ganz Deutschland kaum noch landwirtschaftliche Zuchtbetriebe gibt. Erst letztes Jahr wurde mit dem Umzug von Capellenhagen nach Limmer ein neues Zuhause für die bedrohten Schweine gefunden. Doch nicht der mühsame Alltag mit den Tieren raubt den Züchtern die Kraft, sondern der anhaltende Druck durch die heimischen Kontrollbehörden. „Wir stehen gerade an dem Punkt, ob wir aufhören und alles hinschmeißen, weil wir einfach nicht mehr können“, gesteht Haubrock sichtlich bewegt.
Das Problem ist struktureller Natur und betrifft kleine Tierhalter im Nebenerwerb zunehmend. Die sogenannte Schweinehaltungshygieneverordnung unterscheidet in ihren strengen Auflagen oft kaum zwischen einem industriellen Großbetrieb mit Hunderten von Mastplätzen und einer kleinen Arche-Zuchtstätte wie „Swiensgaarn“. Sobald ein Betrieb die Grenze von 20 Tieren überschreitet, greifen massive bürokratische und bauliche Auflagen, die primär darauf ausgelegt sind, den wirtschaftlichen Schaden der deutschen Agrarexporte im Falle eines Tierseuchenausbruchs abzuwenden. „Es geht dabei gar nicht ums Tierwohl“, kritisiert Haubrock. „Es kann doch nicht sein, dass wir Kleinbetriebe mit unseren paar Schweinchen genauso behandelt werden wie die industriellen Großmäster.“
Unterstützung erhält die Nutztierarche von Eberhard Prunzel-Ulrich, dem Koordinator der BioBauern in Südniedersachsen und Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Er fordert dringend mehr Augenmaß und Verlässlichkeit von den Behörden: „Der Swiensgaarn braucht Sicherheit und darf nicht ständig von den kontrollierenden Behörden mit Auflagen belastet werden, die nur schwer durchführbar sind.“ Als Beispiele nennt er das Verbot, Getreide in derselben Scheune zu lagern, oder realitätsferne Forderungen zum Wildschweinschutz. Zudem werde der rechtliche Ermessensspielraum der Behörden kaum zugunsten des Erhalts gefährdeter Genpools genutzt.
Besonders bitter stößt den Züchtern auf, dass die kontrollierenden Amtstierärzte die robusten, historischen Rassen oft nach den Maßstäben moderner Hybridschweine beurteilen. Alte Rassen wachsen deutlich langsamer und verändern im Laufe ihrer Entwicklung naturgemäß ihre Statur. Eine frisch abgesetzte Sau, die ihre gesamte Energie in die Ferkelaufzucht steckt oder ein heranwachsendes Jungtier wirken im Vergleich zu hochgezüchteten Mastschweinen mager. Dies führte prompt zu behördlichen Mängelberichten und der Forderung nach bürokratischen Rationsberechnungen. „Die Unterschiede zwischen alten Rassen und modernen Hybridkreuzungen sind enorm. Viele Prüfer haben schlicht keinen Praxisbezug mehr zu historischen Nutztieren“, berichtet Haubrock von ihren Erfahrungen.
Wie bedeutend der Tierbestand von Swiensgaarn tatsächlich ist, zeigt ein Besuch des renommierten Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) aus Mariensee, das den Hof für ein wichtiges Projekt zur Genotypisierung besuchte. Während die Wissenschaft alles daransetzt, diese wertvolle Genreserve für die Zukunft zu sichern, blockiert die Auslegung des Seuchenrechts im Landkreis Hildesheim sogar die wichtige Öffentlichkeitsarbeit des Hofes. Geplante Schulprojekte, bei denen Kinder den Umgang mit den Tieren lernen sollen, scheitern an den dichten Hygienevorschriften: Laut Verordnung müssten die Schulkinder vor dem Betreten des Stalls regelrechte Seuchenschleusen durchlaufen und in Ganzkörperanzüge gesteckt werden. Dabei sind die vom Aussterben bedrohten Tiere in Limmer sehr robust. Anders als in herkömmlichen Mastställen gibt es kaum Totgeburten oder die Verabreichung von Medikamenten. „Die Verabreichung von Antibiotika in großen Mastställen ist völlig normal, unsere Schweine kommen fast immer ohne Medikamente aus und sind kerngesund“, so Haubrock weiter.
Der Landkreis Hildesheim sieht sich derweil auf Nachfrage primär in der Rolle des reinen Vollstreckers. Auf die Frage, wie der rechtliche Ermessensspielraum genutzt wird, um das Überleben von Arche-Betrieben aktiv zu sichern, teilt Pressesprecherin Birgit Wilken lediglich formal mit: „Bei bestehendem Ermessensspielraum wird dieser grundsätzlich geprüft.“ Aktive Förder- oder Schutzmaßnahmen für die letzten verbliebenen Züchter bedrohter Rassen sehe der Landkreis nicht vor, da man rein für die Überprüfung der tierschutz- und tierseuchenrechtlichen Vorgaben zuständig sei. Besuche von Schülern auf den Höfen seien zwar möglich, aber nur unter strikter Einhaltung der Biosicherheitsvorgaben, um laut dem Landkreis immense wirtschaftliche Exportschäden für ganz Deutschland zu verhindern. Weitere kleine Zuchtbetriebe bedrohter Tierarten gibt es im Landkreis Hildesheim laut Wilken schon nicht mehr.
Für Eberhard Prunzel-Ulrich und die AbL ist das Verhalten des Landkreises ein Alarmsignal. Wenn immer mehr Idealisten und Nebenerwerbslandwirte wegen des permanenten Kontrolldrucks aufgeben, drohen auch im Naturschutz – etwa bei der Landschaftspflege durch Schafe und Rinder – massive Probleme. Die AbL sucht nun nach einem ernüchternden Gespräch mit der Kreisverwaltung den Kontakt zum Ministerium, um für die Einrichtung einer überregionalen Clearingstelle zu werben. Ziel ist es, praxisnahe Lösungen und einheitliche, angemessene Standards für Kleinbetriebe durchzusetzen. Bis dahin bleibt den Züchtern auf den Dörfern oft nur der tägliche, mühsame Widerstand gegen die Paragrafenflut. Passend dazu prangt ein altbekannter Leitspruch der AbL auf dem Marktwagen des Verbandes, der die aktuelle Situation der Arche-Betreiber kaum besser beschreiben könnte: „Leidet auf dem Lande und wehret euch täglich.“
Foto001: Die Schweine in Limmer sind vom Aussterben bedroht
Foto002+003: Auf dem Hof in Limmer fühlen sich die Schweine pudelwohl


