Rückzug aus der Kommunalpolitik

Warum prägende Stimmen in Osterwald einen Schlussstrich ziehen

Osterwald (gök). Bei der Präsentation der neuen Ortsratskandidaten in der Steigerklause herrschte bei einigen Einwohnern noch Erstaunen. Vielen war schlichtweg nicht klar, dass drei prägende Gesichter der lokalen Politik bei den kommenden Kommunalwahlen am 13. September nicht mehr auf dem Stimmzettel für Osterwald oder auf Gemeindeebene stehen werden. Mit dem ehemaligen Ortsbürgermeister Torsten Hofer, seiner bisherigen Stellvertreterin Nina Wüstemann sowie Malte Steinberg zieht sich die Führungsriege der Wählergemeinschaft WLP komplett zurück. Da auch Patrick Schütte und Carola Grosser nicht mehr antreten, bedeutet dies zugleich das Ende der WLP als unabhängige Gruppe im Ort. Für die Osterwalder Politik zeichnet sich damit eine klare Konzentration auf die etablierten Parteien ab, mit Andreas Hartnack verbleibt künftig nur noch ein einzelner Unabhängiger als Einzelbewerber im Rennen.

Der Rückzug des Trios, das bei der letzten Wahl noch zahlreiche Stimmen auf sich vereinen konnte, hat vielschichtige Gründe. Für Malte Steinberg, der sich nach zwei Legislaturperioden und zehn Jahren im Rat nun vorrangig der Familie und seiner Arbeit als Vorsitzender der DLRG Osterwald widmet, spielte der zeitraubende bürokratische Leerlauf eine entscheidende Rolle: „Sicherlich kamen auch die eine oder andere Thema in den letzten Jahren dazu, wo du sagst: Okay, die Verwaltung braucht für bestimmte Sachen immer länger. Man steht an der Stelle, man kommt nicht weiter, sodass da ein bisschen die Luft raus war.“ Diesen Frust teilt auch Nina Wüstemann. Das Verhältnis und die träge Kommunikation mit manchen Fachbereichen der Gemeinde hätten das Ehrenamt zunehmend belastet, auch wenn sie Verständnis für die angespannte Personallage im Rathaus zeigt. Alle bemängeln, dass die Verwaltung immer mehr Aufgaben bekommt, aber personell nicht entsprechend ausgestattet wird. Aus ihrer Sicht ist das nicht zu schaffen und irgendwas bleibt halt bei der Arbeit liegen. „Wenn du irgendwann so den Kipppunkt hast, dass es mehr frustrierend ist und du dich mehr ärgerst, als dass du denkst: Ey geil, jetzt haben wir richtig was geschafft – das hat so in den letzten anderthalb, zwei Jahren extrem zugenommen“, erklärt Wüstemann im Gespräch. Kleinigkeiten seien laut der stellvertretenden Ortsbürgermeisterin immer wieder liegengeblieben. Um künftigen Mandatsträgern diese Enttäuschungen zu ersparen, schlägt sie ein Onboarding für neue Ortsräte vor, damit von Anfang an klar ist, wie die Verwaltung arbeitet, was zu schaffen ist und wer die richtigen Ansprechpersonen sind. Torsten Hofer blickt nach 20 Jahren im Ortsrat – davon 13 Jahre als Ortsbürgermeister – sowie langjährigem Engagement im Gemeinderat und Kreistag auf eine intensive Zeit zurück. Neben gesundheitlichen Gründen bewegt ihn vor allem die nachlassende Mitwirkungsbereitschaft im Dorf zum Ausstieg. Seit der Corona-Pandemie beobachtet er eine spürbare Veränderung in der Dorfgemeinschaft: „Es wird immer mehr gefordert, aber man ist im Ort nicht bereit, selbst irgendwie einen Handschlag für irgendwas zu tun. Das ist deprimierend und da habe ich keinen Bock mehr drauf.“ Es ärgere ihn, wenn der Ortsrat als Anlaufstelle für Probleme vorgeschoben werde, für deren Lösung aus der Bevölkerung heraus kaum noch Eigeninitiative komme.

Trotz aller Kritikpunkte blicken die drei auch auf positive Entwicklungen zurück. Neben der stets vertrauensvollen Zusammenarbeit innerhalb ihres „harten Kerns“ heben sie konkrete Projekte hervor. So gelangen die Weichenstellungen für die positive Zukunft des örtlichen Schützenvereins, die Umsetzung des Waldkindergartens auf dem Gelände der ehemaligen Grillhütte als optimale Nachnutzung oder Aktionen über die Deutsche Stiftung für Ehrenamt und Engagement. Hinsichtlich der Zukunft des Ortsrates als Gremium gehen die Meinungen auseinander. Während Steinberg bei unveränderten Rahmenbedingungen hinterfragt, ob nicht ein Ortsvorsteher für die reine Repräsentation ausreichen würde, bricht Hofer eine Lanze für die kommunale Vertretung: „Ich glaube, der Ortsrat ist die Stammzelle der Demokratie. Wenn ich das wegnehme, dann fehlt die direkte Bindung an Politik.“ Damit das Gremium attraktiv bleibe, müsse es aus seiner Sicht allerdings mit mehr realen Handlungsspielräumen und eigenen Budgets ausgestattet werden.

Aus dem Dorfleben werden die drei ausscheidenden Ratsmitglieder jedoch keineswegs verschwinden. Steinberg baut mit der DLRG derzeit eine Drohnenstaffel für das Einsatzgeschehen auf, Hofer bleibt als Schatzmeister beim Waldbad sowie bei der Kulturgemeinschaft aktiv und Wüstemann engagiert sich weiterhin im Schützenverein und Waldbad. „Wir verschwinden jetzt nicht von der Bühne, wir sind halt nur nicht mehr im Ortsrat“, fasst Nina Wüstemann zusammen. Zugleich hoffe das Trio, dass sich auch in Zukunft wieder Unabhängige finden, die sich mit frischen Ideen politisch für ihre Ortschaften starkmachen.

Foto: Malte Steinberg und Nina Wüstemann konzentrieren sich wie die anderen WLP-Mitglieder künftig auf andere Aufgaben