Abschied nach über drei Jahrzehnten Verantwortung

Frank Kirchner übergibt das Feuerwehr-Kommando im Leinebergland

Eime/Gronau (gök). Es gibt Momente im Leben, in denen der Blick zurück ebenso schwer wiegt wie der Schritt nach vorn. Für Frank Kirchner ist dieser Moment nun gekommen. Zum 30. September scheidet er offiziell aus dem Amt des Gemeindebrandmeisters der Samtgemeinde Leinebergland aus. Mit etwas Abstand blickt er jetzt schon auf ein bewegtes, ausgefülltes und tief von Kameradschaft geprägtes Feuerwehrleben zurück. Mehr als zwei Jahrzehnte lang stand er an vorderster Front im Gemeindekommando – erst seit 2005 in der ehemaligen Samtgemeinde Gronau, später als oberster Brandschützer der fusionierten Samtgemeinde Leinebergland. Sein Nachfolger wird Markus Hüffner, dem Kirchner von Herzen eine glückliche Hand und stets eine wohlbehaltene Wiederkehr aller Einsatzkräfte wünscht.

Der Weg, der Frank Kirchner an die Spitze von rund 750 aktiven Feuerwehrmitgliedern führte, war alles andere als alltäglich. Alles begann im Jahr 1972 im Spielmannszug Eime. Kirchner schlug Becken und Trommel – eben „alles, was Krach macht“, wie er rückblickend mit einem Schmunzeln erzählt. Ohne den Umweg über die klassische Jugendfeuerwehr wechselte er als 16Jähriger direkt in den aktiven Dienst der Ortsfeuerwehr Eime. Wer nun glaubte, dort würde er erst einmal leise mitlaufen, irrt: Bereits mit 17 Jahren übernahm er als Gruppenführer Verantwortung für die zweite Löschgruppe. Unter seiner Regie entwickelte sich die Truppe zu einer schlagkräftigen Wettkampfeinheit, die über Jahre hinweg bei Leistungswettbewerben Spitzenplätze belegte.

Ein drastisches Ereignis im Jahr 1992 sollte Kirchners Feuerwehrlaufbahn schließlich auf die kommunale Ebene heben. Nach einem schweren Chlorgas-Unfall in Alfeld wurde überregional deutlich, wie mangelhaft die Ausrüstung für Gefahrguteinsätze auf dem Lande noch war. Es gab weder geeignete Schutzanzüge noch Transportmöglichkeiten. Kirchner übernahm daraufhin 1992 das Amt des Gemeinde-Atemschutzbeauftragten für die gesamte Samtgemeinde Gronau – der Beginn einer beispiellosen 34jährigen Zugehörigkeit zum Gemeindekommando. Er kniete sich in das Thema, absolvierte an der Landesfeuerwehrschule in Celle einen der allerersten Gefahrgutlehrgänge überhaupt und baute mit bescheidenen Mitteln – darunter einem rot angestrichenen ehemaligen NVA-Anhänger für die ersten Vollschutzanzüge einen Gefahrgutzug maßgeblich mit auf. Sein organisatorisches Talent und seine zupackende Art blieben nicht verborgen. Im Jahr 2000 setzte sich Frank Kirchner in einer Kampfwahl mit ursprünglich sechs Kandidaten durch und wurde zum stellvertretenden Gemeindebrandmeister an der Seite von Heinrich Philipp gewählt. Als dieser 2006 altersbedingt ausschied, wählten die Ortsbrandmeister Kirchner zum Gemeindebrandmeister. Bei allen folgenden Wiederwahlen gab es nie wieder einen Gegenkandidaten – ein klares Signal für das enorme Vertrauen, das ihm seine Kameraden entgegenbrachten.

Dass die Rolle des obersten Brandschützers weit mehr erforderte als nur einsatztaktisches Wissen, lernte Kirchner schnell. Als ihn der damalige Eimer Bürgermeister Hartmut Fischer bei seiner Amtsübernahme gratulierend mit den Worten „Willkommen in der Politik!“ begrüßte, wollte der frischgebackene Gemeindebrandmeister das noch nicht wahrhaben. Er sah sich als reiner Feuerwehrmann. Doch die Jahre belehrten ihn eines Besseren, in den Rats- und Fachausschusssitzungen saß er fortan regelmäßig zwischen den Stühlen. Die Ortsfeuerwehren forderten naturgemäß stets das Maximum an Material und Fahrzeugen, während die Politik auf die Haushaltszahlen blicken musste. Kirchner brauchte einige Jahre, um ein starkes Vertrauensverhältnis zur Kommunalpolitik aufzubauen. „Ich lernte, mein Temperament mit diplomatischer Weitsicht zu paaren. Wenn ich Forderungen im Feuerwehrausschuss stellte, mussten diese Hand und Fuß haben“, so Kirchner im Gespräch. Er forderte nie maßlos, doch beachtliche Beträge kamen schon über die Jahre zusammen. Allein bei den Fahrzeugbeschaffungen wurden in seiner Amtszeit rund 4,578 Millionen Euro investiert – von kleinen Mannschaftstransportwagen über moderne Tragkraftspritzenfahrzeuge bis hin zur Drehleiter und schweren Tanklöschfahrzeugen.

In all den Jahren verlief Kirchners Dienst keineswegs immer harmonisch. Ein historischer Meilenstein war die vollzogene Fusion zur neuen Samtgemeinde Leinebergland. Aus anfänglicher Skepsis auf beiden Seiten formte Kirchner zusammen mit den Verantwortlichen ein funktionierendes Ganzes, das heute als Vorzeigemodell im Landkreis gilt. Doch wo Veränderung Einzug hält, gibt es auch schmerzhafte Momente. Ein tiefer Einschnitt war das Jahr 2010, als sich die traditionelle Ortsfeuerwehr Eddinghausen nach jahrelangen Debatten um den Neubau eines gemeinsamen Gerätehauses mit Betheln auflöste. Für den gebürtigen Eddinghäuser Kirchner, der im Spritzenhaus vergeblich an den Treueeid seiner Kameraden appelliert hatte, war dies ein menschlich extrem bitterer Tag. Doch auch hier setzte sich schlussendlich Vernunft durch, als noch eine Gruppe in Betheln Dienst verrichtete.

Wenn Frank Kirchner von den Einsätzen erzählt, wird deutlich, wie nah Freud und Leid im Feuerwehralltag beieinanderliegen. Es sind die Geschichten der Hoffnung, die ihm für immer im Gedächtnis bleiben werden. So wie die dramatische Personensuche nach einem 70jährigen Gronauer Krankenhauspatienten, die nach stundenlangem Großaufgebot mit Hubschraubern von der Polizei am Abend ergebnislos abgebrochen wurde. Als Kirchner auf dem Heimweg die verzweifelte Familie des Vermissten traf, gab er ihnen spontan sein Ehrenwort: „Ich verspreche euch, wir helfen euch morgen weiter.“ Am nächsten Morgen trommelte er auf freiwilliger Basis Einsatzkräfte zusammen. Und das Wunder geschah: Ein Jäger hörte im dichten Gebüsch ein Stöhnen. Der Mann war eine Böschung hinabgestürzt und hatte sich eingeklemmt. Er konnte gerettet werden und verlebte noch anderthalb glückliche Jahre im Kreise seiner Familie. Der dankbare Kontakt zu den Töchtern hält bis heute an. Auch an einen schweren Verkehrsunfall bei Brüggen erinnert sich Kirchner gerne zurück, bei dem eine einklemmte Ärztin aus ihrem Fahrzeugwrack befreit werden konnte und das Unglück mit ihrer Tochter überstand. Doch die Schicksalsschläge brannten sich ebenso tief ein. Da waren skurrile und gefährliche Einsätze wie die zwei Flugzeugabstürze in Deilmissen und Lübbrechtsen, der aufsehenerregende Tiertransport-Unfall bei Banteln oder bedrohliche Sonderlagen wie eine Amoklage an einer Gronauer Schule. Besonders nahe ging Kirchner jedoch ein tragischer Verkehrsunfall am Bruchsee. Den Rettungskräften war es trotz aller technischen Bemühungen nicht vergönnt, eine schwerst eingeklemmte junge Frau lebend aus dem Auto zu schneiden. Die Hilflosigkeit in solchen Sekunden, wenn das Leben verweht, hinterlässt Spuren. Auch der Moment, als er seinen eigenen Eimer Ortsbrandmeister und Freund Hans-Uwe Reif nach einem schweren Unfall aus dem Wrack befreien musste, verlangte ihm und seinen Kameraden alles ab.

Früher, so gibt Kirchner offen zu, habe man Belastungsstörungen nach schwierigen Einsätzen mit einem kühlen Bier im Spritzenhaus heruntergeschluckt. Heute weiß er es besser. Aus eigener Erfahrung und dem Austausch mit befreundeten Brandmeistern weiß er um das Phänomen der Entschleunigung: „Wenn du nach Jahrzehnten voller Daueranspannung zur Ruhe kommst, ist das wie ein Flugzeug zur Landung. Die Triebwerke fahren herunter, und plötzlich kommen die alten Bilder wieder hoch.“ Umso leidenschaftlicher setzte sich Kirchner in seinen letzten Dienstjahren für die psychosoziale Notfallversorgung ein. Es war ihm ein persönliches Anliegen, insbesondere jungen Kameradinnen und Kameraden nach traumatischen Erlebnissen fachgerechte psychologische Hilfe zu vermitteln und das Stigma des Verdrängens endgültig abzubauen.

Für Frank Kirchner war die Feuerwehr nie bloß ein Zeitvertreib oder ein Ehrenamt von vielen – es war seine absolute Herzenssache und sein Lebenswerk. Wenn der 65Jährige nun nach der sauberen Übergabe aller Geschäfte in den Ruhestand geht, hinterlässt er aus seiner Sicht ein wohlgeordnetes Haus. Verschwinden wird seine Expertise jedoch nicht. Für die ruhigen Wintermonate hat er sich vorgenommen, seine akribisch gesammelten Zeitungsberichte, Protokolle und persönlichen Erinnerungen niederzuschreiben. Vor allem aber freut er sich auf die Zeit mit seiner Frau, seiner Familie und seinem kleinen Enkelsohn – dem absoluten Mittelpunkt seines neuen Lebensabschnitts.

DLRP-Maerz 2011

Presse 2018

Foto001+002: Frank Kirchner über den Dächern seines Heimatortes Eime

Foto003: Zum Ende seiner Amtszeit gab es diesen Sommer noch den großen Brand in Banteln, wo viele Feuerwehren gefordert waren

Foto004: Bei einem Brand in Barfelde wurden in letzter Sekunde noch Tiere aus einer Scheune gerettet

Foto005: Mit Sachbearbeiter Andreas Hasse arbeitete Kirchner sogar in Griechenland zusammen, als dort Griechen in das ehemalige Eimer Tanklöschfahrzeug eingewiesen wurden

Foto006: Bei diesem Brand in Eime wurde es gefährlich, auch einige Tanks explodierten

Foto007: Bei einer Fahrzeugübergabe in Wallenstedt wurde Kirchner Opfer seiner selber zugegebenen großen Klappe und musste ein Pferd erklimmen

Foto008: Bei den Fahrzeugübergaben wie hier in Marienhagen war die Stimmung immer bestens

Foto009: Bei einem Brand in Gronau kamen sogar einmal drei Drehleitern gleichzeitig zum Einsatz

Foto010: In Gronau gab es am Kreisel auch mal einen dramatischen Sturmeinsatz, wo eine Frau aus einem von einem Baum begrabenen Auto befreit werden musste

Foto011: Auch die Kameradschaft – hier mit Fritz Sürig und Konrad Vespermann in Hoyershausen – kam nie zu kurz

Foto012: Sehr gut wurden auch immer die Blaulichttage angenommen

Foto013: Künftig will Kirchner vor allem Zeit mit seinem Enkel verbringen

Foto014: Dieses Jahr reiste Kirchner auch mit zum Jugendfeuerwehrzeltlager nach Grömitz, um dort Gemeindejugendfeuerwehrwartin Melanie Koch zu verabschieden