Entschleunigung am Freitagabend
Warum Matthis Pieper seit fünf Jahren treu die „Woche“ austrägt
Ockensen (gök). Für viele bedeutet das Ende der Arbeitswoche das süße Nichtstun auf der Couch. Für Matthis Pieper beginnt der Feierabend am Freitag mit einem Spaziergang der besonderen Art. Der 21jährige aus Salzhemmendorf schnappt sich jede Woche die aktuellen Ausgaben der „Woche“, um sie verlässlich in den Haushalten von Ockensen zu verteilen. Was einst im Jahr 2021 als kleiner Nebenverdienst während der Schulzeit begann, ist für den engagierten Auszubildenden längst zu einer liebgewonnenen Tradition und einer perfekten Entschleunigung nach der Arbeitswoche geworden.
Die Wahl seines Bezirks traf Matthis damals ganz bewusst. Auch wenn Salzhemmendorf näher gelegen hätte, hat es ihm das beschauliche Ockensen von Anfang an angetan. Für ihn bietet der Ort eine ganz besondere Atmosphäre. „Es ist ruhig, ländlich und überschaubar. Ob der malerische Wasserbaum oder die bekannte Mosterei, ich schätze hier die idyllische Kulisse und die Menschen“, schwärmt Pieper von seiner „Arbeit“. In rund anderthalb bis zwei Stunden absolviert er seinen Bezirk, sammelt seine Schritte für den Tag und nutzt die Zeit an der frischen Luft, um nach der Arbeit abzuschalten und die Woche gedanklich abzuschließen.
Besonders in Erinnerung bleiben ihm dabei die saisonalen Besonderheiten und die Begegnungen mit den Menschen vor Ort. Vor allem in der Winter- und Weihnachtszeit verwandelt sich Ockensen für ihn in ein bunt geschmücktes, stimmungsvolles Dorf. Doch weit mehr als die Optik zählt für den 21jährigen die spürbare Dankbarkeit der Anwohner. Wer am Wochenende die Zeitung vorbeibringt, wird oft schon erwartet. Ob ein freundliches Wort an der Haustür oder kleine Aufmerksamkeiten und Geschenke zu Ostern und Weihnachten – die Wertschätzung im Ort ist groß und die Freude über das gedruckte Blatt verbindet Jung und Alt.
Neben der persönlichen Auszeit spielt für Matthis auch der Erhalt einer alten Tradition eine wesentliche Rolle. Fast jeder in der Familie oder im Bekanntenkreis hat irgendwann einmal Zeitungen ausgetragen. Dass dieses Handwerk immer mehr auszusterben droht, bedauert er zutiefst. Sollte er in Ockensen aufhören, wäre ein Nachfolger vielleicht schwer zu finden. Eine Vorstellung, die ihn gerade beim Gedanken an die älteren Dorfbewohner graust. Solange ihm die Arbeit Freude bereitet und die Ockenser sich über ihren Boten freuen, denkt der Salzhemmendorfer daher gar nicht an ein Aufhören und wird weiter jeden Freitag durch Ockensen schlendern.
Foto: Matthis Pieper bei seiner Freitagsrunde – der Zeitungszustellung in Ockensen
